Foto: Deutsches Hygiene-Museum Dresden
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"Der Schwertschlucker"

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Anatomisches Modell in Glasvitrine

Objektdaten

InventarnummerDHMD 2010/1165
Datierungum 1900
Konvolut Sammlung Anatomisches Panoptikum
MaterialWachsmischung, Glas, Holz, Textil, Metall, Papier, Echthaar, Glasaugen?
TechnikWachsguss nach Modellform, bemalt
Etikett / Schild196
Etikett / SchildDer Degenschlucker./ Sword-eater. / Avaleur de sabre. / Degenslikker. / L'ingoiatore di spade
Etikett / SchildRudolf Pohl / Anatom und Bildhauer Dresden
Objektmaß (HxBxT)101,5 x 61 x 38 cm

Beteiligte

Rudolf Pohl (1852 - 1926)
Deutschland, Dresden

Objektbeschreibung

In Wachs geformter Torso eines Schwertschluckers mit geöffneter Brust- und Bauchregion auf einem mit Samt bezogenen Boden und angelehnt an eine samtbezogene Rückwand innerhalb einer Glasvitrine mit schwarzen abgerundeten Kanthölzern. Der Rumpf des Torsos ist geöffnet. Zu sehen sind die inneren Organe, die Lage und der Verlauf des metallenen Degens und seine endende Position im Magen. Hierbei wird der Blick auf die Haltungsänderung des Körpers und Formveränderung der beteiligten Organe beim Verschlucken des Schwertes gelenkt: Der Kopf ist extrem nach hinten gelegt, das Zwerchfell gedehnt, die Speiseröhre weit geöffnet/gedehnt, der Bauch eingezogen und der Magen etwas nach rechts manipuliert, um einen geraden Weg für die Klinge zu erreichen. Sichtbar sind die im Längsschnitt geöffnete Speiseröhre und die im Querschnitt geöffnete Luftröhre zwischen den oberen Lungenspitzen, die Lunge mit Lungenpulsader, der aufgeschnittene Herzbeutel mit Hauptpulsader, die obere Hohlvene, das Zwerchfell, die Leber (kleiner Lappen ist weggeschnitten) und der geöffnete Magen mit Sicht auf die Degenspitze in Speiseresten. Des Weiteren ist die Milz sichtbar, das Netz vor den Därmen, die Magenpulsader sowie Teile des Dünn- und Dickdarms. Die Organe sind an einigen Stellen mit kleinen Papierschildern nummeriert (ursprünglich 1 bis 18) und idealisiert dargestellt, wie die Figur selbst: glatte Wachsoberfläche und proportionierte Körperform, die an einen jungen Mann erinnert, wenngleich die graue Farbe des Haares und des geschwungenen Oberlippenbartes an einen Mann höheren Alters erinnert. Unterhalb der Schultern sind die Schnittkanten zu den fehlenden Armen hin mit Textil eingefasst, ebenso das Rumpfende im Scharmbereich. Auf dem Samtboden ist rechts vorne das Firmenetikett von Rudolf Pohl angebracht.

Zusatzinformationen

"Der Schwertschlucker“ ist Teil des Sammlungskonvoluts „Anatomisches Panoptikum“, in dessen Zentrum mehr als 200 Wachsmodelle, Moulagen, Präparate sowie Lehr- und Relieftafeln stehen. Spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie als Teil einer anatomischen Wanderschau auf Jahrmärkten, Volksfesten sowie in Wirtshäusern präsentiert. Anatomische Wanderschauen wurden im 19. Jahrhundert populär. Sie veranschaulichten die neueren medizinisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Zeit und befriedigten gleichzeitig die Schaulust des zahlenden Publikums mit dem Blick in den geöffneten menschlichen Körper. Besonders eindrücklich verbinden sich Wissenschaft und Schaulust im Wachsmodell des Schwertschluckers. Denn dieses waghalsige Kunststück inspirierte den Mediziner Adolf Kußmaul (1822-1902) 1868 zum Versuch einer ersten Magenspiegelung. Durch die starre Metallröhre, die der Arzt einem Schwertschlucker durch die Speiseröhre schob, konnte er aufgrund mangelnder Beleuchtung jedoch nichts erkennen. Erste Versuche mit endoskopischen Instrumenten hatte bereits der Frankfurter Arzt Philipp Bozzini (1773-1809) gemacht. Als Begründer der modernen Endoskopie gilt der Urologe Maximilian Nitze (1848-1906), der 1879 in Wien erstmals ein klinisch verwendbares und beleuchtbares Kystoskop vorstellte.



Letzte Aktualisierung: 09.12.2021 Permalink: http://sammlung.dhmd.digital/object/8c11d1c8-d60a-4211-9cbc-27d8c2ad0149